Die 37 Übungen der Bodhisattvas
Auf Einladung der Stadt Bern, der Tibeter Gemeinschaft in der Schweiz & Liechtenstein (TGSL) und dem Zürcher Forum der Religionen in der Schweiz kam Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama im Jahr 2016 in die Schweiz und gab eine Unterweisung über die 37 Übungen der Bodhisattvas.
Am 14. Oktober 2017 organisierte die TFOS eine weitere Unterweisung durch den Khen Rinpoche im Tibet-Institut Rikon. Dabei wurden die "37 Übungen der Bodhisattvas" von Gyalse Thokme Sangpo nochmals aufgefrischt und zu Gemüte geführt. Mit verschiedenen Beispielen aus dem Alltag konnte Khen Rinpoche den ca. 40 TeilnehmerInnen aufzeigen wie man die Übungen im täglichen Leben anwenden kann. Es folgte eine interessante Fragerunde, welche von Khen Rinpoche geduldig und verständlich beantwortet wurden.
Gyalse Thokme Sangpo
Die 37 Übungen der Bodhisattvas
1.
Nun, da ihr den kostbaren Menschenkörper, das Floß, das so schwer zu finden ist, erlangt habt, um euch selbst und die anderen über den Ozean von Samsara zu setzen, bemüht euch unablässig - Tag und Nacht - im Hören, Nachdenken und Meditieren. Dies ist die Übung der Bodhisattvas.
2.
Zuneigung und Anhaftung gegenüber Freunden entstehen spontan und ohne Anstrengung, so wie Wasser den Berg hinabfließt. Abneigung und Haß gegenüber Feinden lodern wie Feuer. Von der Finsternis der Unwissenheit umhüllt, vergesst ihr, was anzunehmen und was zu verwerfen ist. Das Heimatland aufzugeben ist die Praxis der Bodhisattvas.
3.
Gebt ihr schlechte Plätze auf, nehmen die störenden Gefühle nach und nach ab. Gänzlich frei von Ablenkung vermehrt sich Heilsames spontan. Durch geistige Klarheit entsteht Vertrauen in den Dharma. Sich auf Einsamkeit zu verlassen ist die Praxis der Bodhisattvas.
4.
Bedenkt: von geliebten Freunden, mit denen ihr lange euer Leben geteilt habt, werdet ihr getrennt. Reichtum und Besitztümer, unter Mühen erworben, werden zurückbleiben.
Das Bewußtsein verläßt den Körper, in dem es zu Gast war. Das Anhaften an dieses Leben aufzugeben ist die Übung der Bodhisattvas.
5.
Durch schlechte Gesellschaft vermehren sich die drei Gifte und Hören, Nachdenken und Meditation werden verfallen. Liebe und Mitgefühl werden zugrunde gerichtet. Schlechte Gesellschaft zu meiden ist die Übung der Bodhisattvas.
6.
Wenn man sich dem spirituellen Freund anvertraut, schwinden die Übel, und gute Eigenschaften wachsen wie der zunehmende Mond. Den wahren spirituellen Freund mehr zu schätzen als selbst den eigenen Körper ist die Übung der Bodhisattvas.
7.
Wie können weltliche Götter, die selbst in den Gefängnismauern von Samsara gebunden sind, euchretten? Sich in den Schutz der drei Juwelen, die nicht trügen, zu begeben, ist die Übung der Bodhisattvas.
8.
Der Erhabene lehrte, daß die Leiden der niederen Bereiche schier unerträglich und die Frucht übler Handlungen sind. Niemals übele Taten zu begehen, selbst wenn es das eigene Leben kostet, ist die Übung der Bodhisattvas.
9.
Das Glück der Drei Welten gleicht dem Tautropfen auf der Spitze eines Grashalms. Ein flüchtiger Augenblick nur, und es ist vergangen. Nach der höchsten Stufe der Befreiung zu streben, die unvergänglich ist, ist die Übung der Bodhisattvas.
10.
Wenn eure Mütter leiden, die seit anfangloser Zeit so gütig zu euch waren, was ist dann mit dem eigenen Glück erreicht? Deshalb, um unzählige Wesen von Leiden zu befreien, den Bodhicitageist zu erzeugen, ist die Übung der Bodhisattvas.
11.
Alles Leid - ohne Ausnahme - entspringt dem Wunsch nach eigenem Glück. Aus der Geisteshaltung, die auf das Wohl der anderen ausgerichtet ist, entsteht vollkommene Buddhaschaft. Eigenes Glück vollkommen einzutauschen gegen das Leid der Anderen ist die Übung der Bodhisattvas.
12.
Jenen, die aus großer Gier euch aller Habe berauben oder andere zum Stehlen veranlassen, euren Körper, euren Besitz und die Tugenden der drei Zeiten zu schenken ist die Übung der Bodhisattvas.
13.
Auch wenn man euch den Kopf abschlägt, obwohl ihr schuldlos seid, die Macht des Mitgefühls alle Sünden auf euch zu nehmen ist die Übung der Bodhisattvas.
14.
Und wenn euch jemand auf alle Arten herabsetzt und verleumdet, daß es durch dreitausend Welten schallt, mit dem Herz voller Liebe als Antwort seine positiven Qualitäten hervorzuheben ist die Übung der Bodhisattvas.
15.
Sollte euch jemand vor allen Leuten bloßstellen, eure Fehler breittreten und schlecht über euch reden, dieses Wesen als spirituellen Freund zu betrachten und sich vor ihm zu verneigen ist die Übung der Bodhisattvas.
16.
Wenn jemand, den ihr wie euer eigenes Kind umsorgt und behütet habt, euch dennoch wie einen Feind behandelt, ihmbesondere Zuwendung zu schenken, wie eine Mutter ihrem erkrankten Kind, ist die Übung der Bodhisattvas.
17.
Wenn jemand, von gleichem oder niedrigerem Stand, von Stolz getrieben euch herabsetzen will, ihm Respekt zu erweisen wie dem eigenen Guru ist die Übung der Bodhisattvas.
18.
Und wenn ihr noch so arm, von Menschen stets verachtet seid, von schwerer Krankheit befallen, dennoch die Leiden aller Wesen auf euch zu nehmen ist die Übung der Bodhisattvas.
19.
Auch wenn ihr sehr berühmt seid, viele euch verehren und ihr so viele Schätze erworben habt wie der Gott des Reichtums, zu bedenken, dass alle Reichtümer dieser Welt ohne Essenz sind und daher nicht arrogant zu sein ist die Übung der Bodhisattvas
20.
Solange ihr euren inneren Feind, den Haß, nicht überwunden habt, werden eure äußeren Feinde - auch wenn ihr sie besiegt - sich immer wieder erheben. Den eigenen Geist daher mit der ganzen Macht von Liebe und Mitgefühl zu zähmen ist die Übung der Bodhisattvas.
21.
Die Gegenstände des Verlangens gleichen salzigem Wasser: Je mehr ihr davon trinkt, um so stärker wird euer Verlangen danach. Was auch immer Bindung erzeugt aufzugeben ist die Übung der Bodhisattvas.
22.
Was immer euch erscheint, ist euer eigener Geist. Der Geist selbst ist von jeher frei von begrifflichen Abgrenzungen. Dies zu erkennen und den Geist freizuhalten von dualistischem Denken ist die Übung der Bodhisattvas.
23.
Wenn euch etwas gefällt, betrachtet es wie den Regenbogen zur Sommerzeit: schön und dennoch unwirklich. Daher Verlangen und Anhaften aufzugeben ist die Übung der Bodhisatttvas.
24.
Die verschiedenen Leiden gleichen dem Sterben eines Sohnes im Traum. Ihr habt euch durch Verstrickung in die täuschenden Erscheinungen, die ihr für Wirklichkeit hieltet, erschöpft. Widrige Umstände daher als Illusionen zu betrachten ist die Übung der Bodhisattvas.
25.
Wenn jemand, der Erleuchtung wünscht, sogar den eigenen Körper aufgeben muß, gibt es noch einen Grund, äußere Objekte zu erwähnen? Freigiebig ohne Hoffnung auf Lohn oder karmische Frucht zu sein ist die Übung der Bodhisattvas.
26.
Wenn ihr aufgrund des Fehlens von Disziplin nicht einmal euer eigenes Wohl bewirken könnt, ist der Wunsch, das Wohl anderer zu erwirken, zum Lachen. Daher, Disziplin zu bewahren die frei von weltlichem Streben ist ist die Übung der Bodhisattvas.
27.
Für einen Bodhisattva, der den Reichtum guter Handlungen anzusammeln wünscht, gleichen alle die ihm schaden einem kostbaren Schatz. Daher zu frei von Abneigung und Haß Geduld zu üben ist die Übung der Bodhisattvas.
28.
Wenn ihr seht, daß selbst die Shravakas und Pratyekabuddhas, die nur nach ihrem eigenen Wohl streben, sich anstrengen, als gelte es, ein Feuer auf ihrem Haupt zu löschen, werdet ihr die Anstrengung zum Wohle der Anderen - die Quelle aller guten Eigenschaften - hervorbringen. Dies ist die Übung der Bodhisattvas.
29.
Wenn ihr gelernt habe durch Vipashyana (lag-thong), fest gegründet auf Shamatha (shi-nä), die Geistesgifte zu bezwingen, euch in meditativer Sammlung zu üben, die jenseits der „vier formlosen Stufen“ ist ist die Übung der Bodhisattvas.
30.
Da ohne unterscheidende Weisheit (sherab) - durch die fünf Paramitas allein - vollkommene Erleuchtung nicht erlangt werden kann, über jene Weisheit zu meditieren, die die wirksamen Methoden beinhaltet und die drei Aspekte (kor-sum) nicht erdenkt ist die Übung der Bodhisattvas.
31.
Wenn ihr euch nicht die eigene Verwirrung vor Augen führt, lauft ihr Gefahr, den Dharma nur äußerlich zu praktizieren. Deshalb ständig die eigenen Fehler zu beleuchten und dann aufzugeben ist die Übung der Bodhisattvas.
32.
Wenn ihr unter dem mächtigen Einfluß der Geistesgifte über die Fehler anderer Bodhisattvas sprecht, schädigt ihr euch und anderen. Nicht schlecht über jene zu sprechen, die den Mahayanapfad betreten haben, ist die Übung der Bodhisattvas.
33.
Um des Gewinns und der Achtung willen streitet man untereinander und die Übung von Hören, Nachdenken und Meditieren wird vernachlässigt. Die Bindung an Haus, Wohltäter, Freunde und Verwandte aufzugeben ist die Übung der Bodhisattvas.
34.
Durch harte Worte verletzt ihr die Gefühle anderer und das Bodhisattva-Verhalten verfällt. Verletzende und unangenehme Worte aufzugeben ist die Übung der Bodhisattvas.
35.
Wenn ihr euch erst an die Geistesgifte gewöhnt habt, fällt es schwer, sie durch Gegenmittel zu bezwingen. Deshalb mit Achtsamkeit und Gewahrsein das Schwert der Gegengifte zu erheben und die Geistesgifte, im Moment ihres Auftauchens, zu bezwingen ist die Übung der Bodhisattvas.
36.
Kurzum, wo immer ihr auch seid, was immer ihr tut, euch zu fragen, wie der Zustand eures Geistes ist, ständig achtsam und bewusst zu sein und zum Wohle der Anderen zu arbeiten ist die Übung der Bodhisattvas.
37.
Die Tugenden, die ihr auf diese Weise durch euer Streben erworben habt, mit jener Weisheit,
die makellos die drei Aspekte begreift, der Erleuchtung zu widmen, um unzählige Wesen vom Leiden zu befreien, ist die Übung der Bodhisattvas.